Landschaftsräume

Christian Tietze

Ägypten zählt zu den potamischen Kulturen, den Kulturen, die mit und vom Fluss leben. Andere Hochkulturen, Mesopotamien – das Land zwischen den Strömen – und die Induskultur, verdanken ihre Existenz und ihre Entwicklung zu einer Hochkultur ebenfalls einer Flusslandschaft. Die Flüsse ermöglichten in den Anbaugebieten reiche Ernten und damit eine Grundlage für die Ernährung, bargen aber auch die Gefahr von Überschwemmungen und verlangten daher auch ein Herrschaftssystem, das sich diesen Aufgaben stellte. Die gemeinsame Lösung dieser primären Aufgaben – der Bau von Kanälen, Dämmen und Deichen – förderte die Entwicklung von staatlichen Strukturen, denn nur sie konnten die Aufgaben erfolgreich bewältigen. Die Religion – verbunden mit einer Hoffnung auf ein Kontinuum des Lebens – war eine der Gemeinsamkeiten in diesen Gesellschaften. Die Entstehung von Städten als Brennpunkte dieser Entwicklung zählte ebenso dazu.

In Ägypten war es der Gott Hapi, dargestellt in menschlicher Gestalt, die Gaben des Nils vor sich her tragend, der die Fruchtbarkeit des Nils verkörperte. Im Nilhymnus heißt es über ihn:

»Wenn du eine Stadt von Hungernden überflutest, dann können sie sich sättigen von den guten Gaben des überschwemmten Landes – dann nimmt man wieder ein Gefäß an den Mund und die Lotosblume an die Nase. Fruchtbarkeit überzieht die Erde, überall wächst Futterkraut. Der Essende vergisst den Hunger, Gutes breitet sich aus über den Häusern. Die Menschen springen vor Freude. Wenn Hapi fließt, dann opfert man dir und man schlachtet dir Rinder. Man bringt für dich ein großes Opfer, man mästet für dich Vögel. Man jagt für dich Löwen in der Wüste, man gibt dir Räucheropfer. Man opfert jedem Gott, wie man es für Hapi macht, mit Weihrauch, feinstem Öl und Vögeln über der Flamme für Hapi in seiner Höhle des Südens (1. Katarakt = »Höhle des Hapi«).« Und dann folgt mehrfach die Anrufung: »Mögest du fruchtbar sein, Verborgener!«

 

Der Nil – die Lebensader des Landes

Der Nil bildet die Lebensader Ägyptens. Seine Länge von über 6600 km macht ihn zum zweitlängsten Fluss der Erde. Bevor er den Ersten Katarakt – es ist eigentlich der letzte von vielen Wasserfällen – erreicht, hat er schon einen mehr als 5000 km langen Weg hinter sich, auf dem er Granitbarren auswusch, Niederungen bewässerte, Wasserfälle hinabstürzte und Wüsten durchfloss. In Assuan verwandelt er sich in einen trägen Strom von großer Breite und geringem Gefälle. Nur einmal im Jahr veränderte der Fluss seinen Charakter: Mitte Juli schwoll er an, wenn die Schmelzwasser des Blauen Nils seine Wassermenge vervielfachten (Abb. 7). Dieses Ereignis war so prägend, dass nach ihm der Beginn des Jahres und nach seinen Wirkungen die Einteilung der Jahreszeiten vorgenommen wurde: Der Jahresbeginn wurde mit dem Beginn der Überschwemmung gleichgesetzt, Anfang Oktober erreichte der Pegel seinen Höhepunkt, dann begann er zu sinken, und das Flusstal trocknete aus, um im Mai den tiefsten Punkt zu erreichen. So bot der Nil im Jahresrhythmus einer großen Bevölkerung die wirtschaftliche Grundlage, die eine Versorgung kontinuierlich ermöglichte....

 

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