Einführung

Christian Tietze Kurator | Herausgeber

Der Titel der Ausstellung »Pharao« soll stellvertretend für das Leben im alten Ägypten verstanden werden. PHARAO steht für den Herrscher, der – einer Dynastie entstammend – mit seinem Tod zu den Göttern aufsteigt. Seine Doppelfunktion, Herrscher und Gott, legt ihm weitreichende Verpflichtungen auf: Die Fürsorge für die Menschen und ihre vitalen Interessen; die Einhaltung der Maat (Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit), den Schutz des Landes und die Sicherung der Grenzen, die Stabilität durch Steuereinnahmen und die Lösung innenpolitischer Krisen.

Die Ausstellung will einen neuen Blick auf eine der ältesten Hochkulturen der Welt werfen. Dabei sind es zwei Ziele, die verfolgt werden: Als erstes sind es die natürlichen Lebensgrundlagen des Landes, die in gleicher Weise zur Bewältigung der Natur wie auch zu einer Ethik führten, die dem Land seine Einmaligkeit gab. Durch die Kenntnis der Schrift wird uns die Möglichkeit gegeben, tief in ihre Wertvorstellungen, Verhaltensweisen und sozialen Strukturen einzudringen. Aber ist damit alles gesagt? Verbreiten sich in Literatur und schriftlichen Zeugnissen nicht auch Hoffnungen, mythische Bilder und Enttäuschungen?

Als ein Korrektiv kann die Baugeschichte dienen. Architektur – sie soll hier als Oberbegriff für die gebaute Umwelt verwendet werden – lügt nicht. Die Zeugnisse des Alltags und des Feiertags, des Diesseits und des Jenseits, der Oberschicht und der Unterschicht müssen beschrieben, untersucht und interpretiert werden. Auf dieser Basis soll der Versuch gemacht werden, die Baugeschichte Ägyptens mit der Sozialgeschichte zusammenzuführen, um so die Gesellschaft dieses Landes für uns in neuer Weise lebendig werden zu lassen.

Es geht einerseits um die Lebensräume – Landschaftsräume, öffentliche Räume, private Räume und geheime Räu- me – und andererseits um die Menschen, die hier arbeiteten und feierten, an Kulten und Kriegen teilnahmen, liebten und litten, hungerten und feierten, Kinder zeugten und starben. Jeder Ägypter war Teil einer kleineren oder größeren Gemeinschaft, nahm an Prozessionen teil, befand sich in Abhängigkeit, erlebte Kriege und Hungersnöte und trug durch seine körperliche Arbeit oder als Beamter zum Werden und Gelingen dieser Hochkultur bei.

Ausgangspunkt für die Ausstellung ist die Nil-Landschaft: das Klima und die Jahreszeiten, die Tier- und Pflanzenwelt, die Landwirtschaft und Fruchtbarkeit und das komplizierte Bewässerungssystem, das das ganze Land wie ein engmaschiges Netz überzog. Auf dieser Grundlage entstand ein Staat, der für seine Entwicklung und Erhaltung ein Kommunikationssystem brauchte, das die Versorgung garantierte und Sicherheit versprach. Und das gelang so erfolgreich, dass ungeheure Kräfte freigesetzt wurden, die sich durch Bauten manifestierten, die einen Jenseitsbezug herstellten. Es gelang, eine Einheit herzustellen, in der sich Ägypten als der Mittepunkt der Welt sah.

Am Beginn dieser Entwicklung steht die Erfindung des Steinbaus. Mit dem Bau der Pyramidenanlage durch Pharao Djoser und seinen Baumeister Imhotep wird der Beginn einer neuen Ära sichtbar. Der Höhepunkt dieser Entwicklung wird durch die Pyramiden in Giza erreicht; insbesondere der Bau der gewaltigen Pyramide des Cheops macht das deutlich. Damit verbunden war die Entstehung und Entwicklung einer Götterwelt, die nicht nur in ihrem Polytheismus ihren Ausdruck findet, sondern auch zu einer persönlichen Frömmigkeit führte, die dem Einzelnen Trost und Hoffnung im Alltag und bei den vielfältigen großen und kleinen Festen Glück und Befriedigung brachte.

 

Die Götter sind dem Einzelnen nahe, wird doch mit jedem Tag die Schöpfung wiederholt; mit jedem Tag – mit dem Wechsel von Tag und Nacht – wird das Wirken der Götter bestätigt. Das Pantheon lässt ein breites Spektrum erahnen und so sahen die Ägypter sich in einen Kosmos gestellt, der alle Bereiche des Lebens umfasste: die Erschaffung der Welt, das Wirken der Götter im Kosmos, die Fruchtbarkeit in der Natur, die Götter für den Übergang in das Jenseits, Götter für den einzelnen Menschen und Götter der Macht besaßen ihre Wirkmächtigkeit.

Trotzdem gibt es ein Spannungsfeld in der Gesellschaft, das jeden Einzelnen einbezog. Es wird an den Tempeln deutlich. Der Pharao wirkte nicht nur als Herrscher, sondern er war auch oberster Priester. Und hier wird eine monolithische Struktur der Gesellschaft deutlich, die im alten Ägypten zu einer Einheit von Autonomie (Eigengesetzlichkeit) und Autarkie (wirtschaftlicher Unabhängigkeit) und Autokephalie (religiöser Selbstständigkeit) führte. Aber das bedeutete nicht Willkür, denn der Pharao und alle Bewohner des Landes waren zur Maat – Wahrheit und Gerechtigkeit – verpflichtet. Um in die Lebensumwelt der alten Ägypter einzutauchen, ist die Erforschung der Baugeschichte ein wesentliches Element. Ihr Ziel ist es aber nicht nur, wichtige Bauten zu rekonstruieren, um so neben anderen Quellen der Forschung, insbesondere der Inschriften, in die wirklichen Gegebenheiten der Gesellschaft vorzudringen, sondern es gilt auch, die Räume zu beschreiben, in denen sich die Menschen bewegten, arbeiteten und handelten, duldeten und litten, herrschten und beherrscht wurden, aber auch feierten und genossen, trauerten und sich freuten, von Erfolgen lebten und im Elend untergingen.

Es genügt also nicht, Architektur darzustellen, denn erst durch die Menschen werden Räume lebendig. Deshalb müssen Räume und Menschen in differenzierter Weise in Beziehung gesetzt werden. Hierbei gilt es, den RAUM als Handlungs- und Aktionsort weit zu fassen. Räume können offene Räume (Plätze, Straßen, Ufer), aber auch geschlossene Räume (Hütten, Tempel und Paläste) sein. Räume müssen aber auch in einem sozialen Zusammenhang stehen. Private, halböffentliche und öffentliche Räume haben sich als Begriffe in der Städtetheorie durchgesetzt, wobei die Eigentumsgrenzen und ihr Rechtscharakter offenbar als entscheidende Kriterien gelten.

Diesen Ansatz auf das alte Ägypten zu übertragen, scheint nicht ganz einfach, denn es gibt das Obereigentum des Königs, daneben das weitgehend eigenständige Eigentum der Tempel und das im Lauf der Geschichte sich immer weiter ausdehnende private Nutzungsrecht von Flächen und wohl auch Gebäuden und Räumen.

Trotzdem soll dieser Ansatzpunkt im Prinzip beibehalten werden, da damit ein sozialer Zusammenhang beschrieben wird, der Einblick in menschliche Verhaltensweisen, in Erlebnisräume, in Abhängigkeiten und den Wunsch nach privater Vorsorge ermöglicht. Allerdings muss diese Konzeption, die zwischen öffentlichen, halböffentlichen Räumen und privaten Räumen unterscheidet, um zwei – wesentliche und charakteristische – Kategorien erweitert werden. Es sind dies die gesamte Kultur prägenden Landschaftsräume und die auf das Jenseits bezogenen geheimen Räume in Tempeln und Gräbern.

Der Landschaftsraum Ägyptens wird vom Nil dominiert. Das Land zählt zu den potamischen Kulturen, in denen der Fluss dem Land Segen oder Fluch bringt. Die Gestaltung dieses Landschaftsraumes, der einer ständigen und intensiven Bearbeitung sowie einer vorsorgenden Planung und staatlichen Durchführung bedurfte, bildete immer den Hintergrund der nach Jahrtausenden zählenden Geschichte. Eine integrierende Funktion für die Gesellschaft besitzen die öffentlichen Räume: die Straßen, die Vorhöfe der Tempel, die Alleen, das Nilufer mit seinen Hafenanlagen, aber auch die Kanäle und die Prozessionswege. An den hohen Festtagen, an den Thronjubiläen des Königs und an den Götterfesten kamen auf den Alleen, an den Ufern des Nils und seinen Kanälen Tausende von Menschen zusammen, um diese Feste zu begehen. Es waren Ereignisse, die den gesellschaftlichen Zusammenhang sichtbar machten und zur Identität der Bewohner beitrugen.

Ein Bindeglied zu den geheimen Räumen bilden die Tempel, die – bis auf den ersten Vorhof – den Besuchern und Bewohnern der Orte weitgehend verschlossen blieben. Sie dienten der Pflege des Kultbildes in seinem Sanktuar, das von Kapellen und Magazinräumen umschlossen war. Sie galten als Orte der Gelehrsamkeit und besaßen Schreibschulen und Bibliotheken. So waren sie beides: Orte der Begegnung, aber auch des Geheimnisses.

Die halböffentlichen Räume sollten wir besser als Orte der Gemeinschaft bezeichnen. Siedlungen müssen hier zu allererst genannt werden, die häufig ummauert ihren Bewohnern Schutz boten, aber auch eigene Kulte pflegten. Für die Sicherung staatlicher Aufgaben stellten sie ein wichtiges Fundament dar. In ihrer Ausgestaltung wiesen sie jedoch große Unterschiede auf. Sie konnten sich frei im städtischen Gefüge entfalten, wie die Planung der Hauptstadt Amarna zeigt; sie konnten sich aber auch speziellen Aufgaben widmen, wie die Arbeitersiedlung an einem Steinbruch, östlich von Amarna, zeigt. Es gab auch Orte der Gemeinschaft, die wir als Arbeitslager bezeichnen müssen, die geradezu militärisch organisiert waren. Daneben galt es, städtische und staatliche Aufgaben zu erfüllen, die nur in halböffentlichen Räumen oder Räumen der Gemeinschaft realisiert werden konnten: Polizei- und Militäreinheiten, Werkstätten, Bäckereien, Magazine und Speicher. Und es müssen Schreibschulen, Bibliotheken und Archive erwähnt werden, die mit der weiteren Entwicklung des Staates entstanden.

Die Gestaltung privater Räume steht mit der Differenzierung der Gesellschaft in engem Zusammenhang. Im Alten Reich sind sie schwer erfassbar, im Mittleren Reich deutlich erkennbar und im Neuen Reich bieten sie eine Bandbreite, die von der einfachsten Hütte bis zu den ausgedehnten Palästen des Königs nachweisbar ist. Hier wird auch eine Mittelschicht erkennbar, die die großen Aufgaben des Staates organisierte und mit straffer Hand zum Erfolg führte. Es war wohl gerade diese soziale Schicht, die eine Stabilisierung des Staates bewirkte. Über ihr lebte eine Elite, die die Verbindung zum König herstellte und Impulse und Innovationen in die Gesellschaft trug, die zur Bewältigung von Hungersnöten und Krisen, Kriegen und Katastrophen beitrug. Die geheimen Räume riefen immer wieder die größte Faszination der Ägyptenbesucher hervor. Die gewaltigen königlichen Grabanlagen des Alten Reiches, die weniger stabilen Bauwerke dieser Art im Mittleren Reich und die Gräber der Könige im Tal der Könige boten eine Geschichte, die immer wieder zu neuen Raumanordnungen führten, um so den Aufstieg des Königs zu den Göttern zu garantieren. Außerdem musste die physische Existenz des Königs vor Grabräubern geschützt werden. Die Mittelschicht hatte an dieser Entwicklung kaum einen Anteil, die Oberschichte jedoch konnte sich Grabmale schaffen, die dem Wohnhaus nicht unähnlich waren. Nur die Unterschicht wurde am Rande der Wüste schutzlos bestattet.

 

Anliegen der Ausstellung ist es, gleichzeitig den Blick auf Menschen und Räume zu richten, um so zu einem Bild vom alten Ägypten zu kommen, das – neben Inschriften und Bildern – die Gewichtung einzelner Schichten und den Charakter der Gesellschaft in seiner sozialen Tiefe erkennen lässt.